Vergütung von Hilfskräften

an mittelhessischen Hochschulen


Zwei der größten Niedriglohnarbeitgeber in Mittelhessen finden sich nicht etwa in der wegen prekärer Arbeitsverhältnisse berüchtigten Gastronomie, auch nicht im ebenfalls für Niedriglöhne bekannten Einzelhandel. Nein, es geht um die Universitäten in Gießen und Marburg, die beide jeweils weit über 1.000 studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte beschäftigen. Studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte sind in Hessen ­– wie auch in den anderen Bundesländern mit der Ausnahme von Berlin – ausdrücklich aus dem Tarifvertrag ausgenommen. Mehrere Versuche der Gewerkschaften dies zu ändern, wurden bislang seitens der Bundesländer und der Hochschulen abgeblockt. Daher werden die Stundensätze der Hilfskräfte nicht im Einklang mit der allgemeinen Tarifentwicklung erhöht, allenfalls dann und wann und meist nur unter vermehrten Druck von Studierendenvertretung, Gewerkschaften und studentischen Beschäftigten sehen sich die Hochschulen mal zu einer Anpassung veranlasst.

Zuletzt haben die mittelhessischen Hochschulen ihre Hilfskraftvergütungen nach mehreren Nullrunden wieder angehoben: Die Justus-Liebig-Universität Gießen zahlt seit dem Wintersemester 2017/2018 studentischen Hilfskräften einen Stundensatz von 9,45 Euro. Für studentische Hilfskräfte mit einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss, insbesondere dem Bachelor, liegt der Stundensatz bei 11,03 Euro. Wissenschaftliche Hilfskräfte mit Abschluss, etwa einem Master oder einem Staatsexamen, erhalten 14,70 Euro.

An der Philipps-Universität Marburg sind die Sätze zum Jahresbeginn 2018 erhöht worden und liegen mit 10,00 Euro, 11,50 Euro und 15,30 Euro etwas höher als an der Justus-Liebig-Universität. Neu eingeführt wurde an der Justus-Liebig Universität die Kategorie „fortgeschrittene studentische Hilfskräfte in nicht-gestuften Staatsexamensstudiengängen“, für die 10,50 Euro vorgesehen sind. Für diese Gruppe ist es an der Philipps-Universität Marburg nach dem dort gültigen „Leitfaden für das Beschäftigungsverhältnis als wissenschaftliche oder studentische Hilfskraft“[1] möglich, den für fortgeschrittene Studierende mit erstem Abschluss vorgesehenen erhöhten Stundensatz zu beziehen.

An der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) erhalten studentische Hilfskräfte ebenfalls 10,00 Euro. Wissenschaftliche Hilfskräfte werden hier sogar nach Tarif vergütet. Studentische und auch wissenschaftliche Hilfskräfte gibt es an der THM allerdings in deutlich geringerer Zahl als an den beiden Universitäten.

Vergütung von Hilfskräften an den mittelhessischen Hochschulen in Euro

 

Justus-Liebig-Universität Gießen

Philipps-Universität Marburg

Technische Hochschule Mittelhessen

studentische Hilfskräfte

9,45

10,00

10,00

fortgeschrittene studentische Hilfskräfte in nicht-gestuften Staatsexamensstudiengängen

10,50

-

-

studentische Hilfskräfte mit erstem Abschluss

11,03

11,50

-

wissenschaftliche Hilfskräfte mit Abschluss

14,70

15,30

nach Tarifvertrag-Hessen

 

Aber handelt es sich bei dieser Vergütung wirklich um einen Niedriglohn? Zumal der Gesetzliche Mindestlohn seit dem Jahr 2017 bei 8,84 Euro liegt und damit von allen drei Hochschulen eindeutig eingehalten wird. Die international übliche Definition von Niedriglöhnen legt die Schwelle bei zwei Dritteln des Median-Lohns an – also des Lohns, bei dem die eine Hälfte aller Lohnempfängerinnen und -empfänger mehr verdient, die andere Hälfte weniger. Das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) beschäftigt sich regelmäßig unter Auswertung der Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) mit Niedriglohnarbeit in Deutschland. Die aktuelle Auswertung, welche der jüngste verfügbare Datensatz aus dem Jahr 2015 zu Grunde liegt, ermittelt für dieses Jahr eine Niedriglohnschwelle auf Stundenbasis von 10,22 Euro.[2] Die Lohnentwicklung ist seit diesem Zeitpunkt nicht stehen geblieben, statistisch belastbare Daten liegen aber immer erst im Nachhinein vor. Seit 2013 ist die Niedriglohnschwelle im Jahresdurchschnitt um 32 Cent angestiegen. Daher kann man schätzen, dass sie 2018 ungefähr um 90 Cent höher als 2015 liegen dürfte. Dann läge die Niedriglohnschwelle 2018 bei ca. 11,10 Euro.

Damit bewegt sich die Vergütung der studentischen Hilfskräfte an allen drei mittelhessischen Hochschulen im Niedriglohnbereich. Auch hinsichtlich der Vergütung von fortgeschrittenen studentischen Hilfskräften an der Justus-Liebig-Universität, sowohl bei solchen in nicht-gestuften Studiengängen als auch bei Hilfskräften mit erstem Abschluss, wird nicht mehr als ein Niedriglohn gezahlt. Die Vergütungssätze für wissenschaftliche Hilfskräfte liegen zwar oberhalb der Niedriglohnschwelle, hier ist allerdings der Skandal, dass diese – mit der Ausnahme der THM – deutlich schlechter vergütet werden als die nach Tarifvertrag bezahlten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zumeist ebenso qualifiziert sind und auch vergleichbare Tätigkeiten ausüben.